2026 Ararat
Ararat – der schöne Berg im wilden Kurdistan
Unsere Reise zu den vielleicht drei eindrucksvollsten Gipfeln Ostanatoliens startet Anfang September von Stuttgart. Wir, das ist eine Gruppe aus 14 Bergwanderern, die dem Ruf von Martin Länge gefolgt sind, der für uns ein ambitioniertes Besteigungsprogramm initiiert und dieses mit dem Besuch historisch bedeutsamer Stätten abgerundet hat. Aber mal der Reihe nach.
Nach der Landung in Igdir verbringen wir unseren ersten Abend in der großen Stadt Van im Osten der Türkei mit einem angenehmen Abendessen voller köstlicher türkischer Gerichte. Das gemeinsame Willkommensessen ist der ideale Start, um mit den anderen Teilnehmern und unseren Guide Firat ins Gespräch zu kommen. Am nächsten Tag lernen wir dann erst einmal das Land kennen. Der Van-See, mit über 3.500 Quadratkilometern der größte See der Türkei, wird mit einem Boot überquert. Auf der Insel Akdamar besichtigen wir die "Heilige Kreuz"-Erzabtei, letzte Überreste eines Klosterkomplexes aus dem 10. Jahrhundert, welche heute ein Wallfahrtsort für die christlichen Armenier darstellt. Nach der Rückkehr an Land fahren wir zum Nemrut-Berg und dessen Kraterseen. Mit einem kleinen Umweg wegen einer Straßensperrung gelangen wir schließlich zu unserem ersten Zeltplatz auf ca. 2.400 Meter Höhe. Am nächsten Morgen wandern wir entspannt zum Gipfel des Nemrut auf 2.935 m, angenehmer kann eine Akklimatisierungstour kaum sein. Die Sonne scheint, die Stimmung in der Truppe ist prächtig. Aber ganz so locker geht es dann doch nicht weiter. Die gestrige Umleitung war wohl eher eine Vollsperrung und irgendjemand hatte etwas gegen unseren Zeltplatz einzuwenden. Jedenfalls war die Straße, welche wir am Vortag hochgefahren sind, in voller Breite einen Meter tief aufgebaggert! Und nun? Unsere kurdischen Begleiter ließen sich flux etwas einfallen und schaufelten mit den Plastestühlen die Straße wieder zu, Zeitverzug eine Stunde. Damit konnten wir am späten Nachmittag mit kleiner Verzögerung unser Camp am Süphan auf 2.500 Metern Höhe aufschlagen.
Wir verlassen das Camp um 2:00 Uhr morgens und beginnen den Aufstieg zum Gipfel des Süphan-Berges, mit 4.058 Metern immerhin der dritthöchste Berg der Türkei. Anfangs mit Stirnlampen liegen heute 1.500 Höhenmeter vor uns. Die Hälfte des Aufstiegs findet bei zunehmender Schwierigkeit nach Tagesanbruch statt. Das felsige Gelände mit Passagen in großen Gesteinsblöcken ist für einige Teilnehmer schon eine Herausforderung. Aber mit Hilfe anderer Gruppenmitglieder und natürlich unserer Bergführer erreichen alle wohlbehalten den Gipfel. Wir werden mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt! Der Rückweg ins Camp fordert in den felsigen Passagen nochmals volle Konzentration. Am Ende sind wir satte 12 Stunden unterwegs und der eine oder andere ist sichtlich froh, als wir das Camp erreichen und mit einem leckeren Snack empfangen werden.
Nach einer Nacht im Hotel fahren wir am nächsten Tag in das kleine Dorf Eli, das auf 2.200 Metern Höhe am Fuß des riesigen erscheinenden Ararats liegt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir beginnen mit dem Aufstieg zum eigentlichen Ziel unserer Reise. Mit leichtem Gepäck erreichen wir nach etwa vier Stunden das Lager 1 auf 3.200 Metern Höhe. Das Camp ist überraschend komfortabel mit jeweils zwei Feldbetten in übermannshohen Zelten. Ganz nach Belieben begeben sich einige auf eine Eingehtour 200 Höhenmeter hinauf oder es wird gemütlich geruht. An diesem Tag war letzteres die bessere Entscheidung, denn die Wanderer wurden von einem doch kräftigen Gewitter überrascht.
Am nächsten Morgen steigen wir zum Lager 2 auf 4.100 Metern Höhe auf. Die Pferde tragen wie schon am Vortag unser Gepäck. Der Aufstieg ist technisch einfach, so dass wir die außergewöhnliche Aussicht bis weit hinunter nach Doğubayazıt genießen können. Am Nachmittag bereiten wir unsere Ausrüstung auf den bevorstehenden Gipfeltag vor und finden ganz zeitig den Weg in den Schlafsack.
Der Wecker klingelt 23:40 Uhr, die Sachen liegen bestens geordnet bereit, das Nachtmahl beginnt um Mitternacht, der Aufstieg sehr pünktlich 1:00 Uhr. In dichtem Nebel steigen wir unter kühlen, ja schon fast winterlichen Verhältnissen in 5,5 Stunden hinauf zum Gipfel. Das langsame Gehen ist an die Bedürfnisse der Gruppe angepasst, so dass es sogar zu Stopp and Go Passagen kommt. Das Gelände ist nur wenig anspruchsvoll, für die letzten 20 Minuten legen wir auf dem Gletscher noch die Steigeisen an, um dann mit der gesamten Mannschaft auf dem Gipfel zu stehen! Das ist sicher der größte Erfolg in einer leistungsmäßig mit einer gewissen Streuung versehenen Gruppe, Martin und Firat sei Dank! Auf 5.137 Metern Höhe waren bisher nur wenige von uns! Auch wenn der Gipfel wolkenverhangen ist, freuen wir uns riesig, gemeinsam hier oben zu stehen. Nach dem Motto, bei Sonne kann jeder, lohnt sich ein Blick auf die weißen Bärte einiger Teilnehmer. Wir steigen vom Gipfel zum Lagerplatz 2 ab, erholen uns für einige Stunden und weiter geht´s ins Lager 1, wo nach einem mit viel Sorgfalt hergerichteten Dinner und für einige sogar mit Gipfelbier eine erholsame Nacht auf uns wartet.
Nach dem finalen Abstieg geht es zurück nach Doğubayazıt in unser Hotel, zur körperlichen Grundreinigung. Am Nachmittag besuchen wir den Ishak-Paşa- Palast. Die Ruinen dieses beeindruckenden Palastes stellen einen faszinierenden Einblick in die kulturelle Geschichte der Region dar und bilden eine perfekte Ergänzung zu den Erlebnissen am Berg. Auch der darauffolgende Tag bietet kulturell so einiges. Laut der Legende ist der Ararat der heilige Berg, auf dem die Arche Noah während der großen Flut angeblich landete. Ob das wirklich stimmt, wird nie ganz geklärt werden. Wir schauen deshalb besser selbst dort vorbei und jeder kann sich seine eigene Meinung bilden. Am Nachmittag nehmen wir ein Bad in den Quellen des Euphrat. Hier wird angenommen, dass die heißen Schwefelquellen heilende Eigenschaften haben. Nach den anstrengenden Abenteuern der letzten Tage haben wir uns auf jeden Fall ein entspannendes Bad verdient Am letzten Abend überrascht uns Firat mit einer Einladung in das Haus seiner Familie, so dass wir uns hockend im großen Wohnzimmer ganz nah bei den einheimischen kurdischen Familien fühlen dürfen.
Beim Heimflug via Istanbul nach Stuttgart schwingt dann schon gehörig Wehmut mit ob des Endes einer wirklich gelungenen, kurzweiligen Reise mit einer guten Mischung aus Bergen und Kultur, auch wenn der Ararat natürlich ein Stück weit alle anderen Erlebnisse überstahlt.
Text: Michael Richter
Fotos Gruppe